Sein erstes Mal

Januar 29, 2010

Alles erscheint unwirklich. Ich lese die sms mehrmals und immer versetzt es mir einen dumpfen Schmerz in der Magengegend. Seine Worte scheinen leichtfüßig geradezu beiläufig. Er versucht ihnen die Schärfe zu nehmen, in dem er sie in eine harmlose liebe sms bettet. Er will mich nicht verletzen, aber vielleicht hat er auch gar nicht darüber nachgedacht. Aber er wusste, was ich wissen will und hat sich Zeit gelassen mit der Antwort auf meine Frage. Ob gewollt oder ungewollt. Er hat sich Zeit gelassen. Ich lese noch ein drittes Mal: …“haben etwas geschnackt und dann miteinander geschlafen, nachdem ich ein wenig mit Gürteln fesseln improvisiert habe“. Mich hat er noch nie mit Gürteln gefesselt, aber das ist nicht das erste was mir dabei in den Sinn kommt. Vielmehr überschlagen sich die Gedanken und Gefühle. Zuerst freue ich mich für beide, aber die Freude währt nur einen kurzen Moment und wird von einer Welle irrationaler Gefühle ertränkt.

Immer wieder versucht die Logik die Gefühle zu beruhigen, die aufgebracht im Kreis rennen, die Arme in die Luft werfen und schreien. „Sie wissen nicht,was sie tun. Verrückte Gefühle“ versucht mich die Logik zu beruhigen. Ich muss mich ordnen. Ich hole einige Male tief Luft und versuche die schreienden Verrückten beiseite zu schieben und mich auf was Wesentliche zu konzentrieren. Sie haben miteinander geschlafen. Was bedeutet das für mich? Eigentlich nichts.

Ich habe es ihnen erlaubt. Nicht etwa, weil ich ihn sonst verloren hätte oder total nachgiebig und rückratlos bin; ich wollte, dass er sich ausleben kann. Sein Leben genießen. Immerhin ist es nur Sex. Was bedeutet das schon?

Doch dann drängen sich wieder die stumpfen Schreie der Gefühle in mein Bewusstsein. Was ist nur los? Warum machen die solch ein großes Theater? Am Liebsten würde ich die Diagnose stellen und die Patienten entlassen, aber ich bin an sie gebunden. Sie werden nicht gehen. Sie sind ein Teil von mir, der nach Beachtung schreit. Doch die Logik versagt den Dienst und schüttelt nur ratlos mit dem Kopf. So als ob sie die Verantwortung abschütteln wollen würde. Ich bin alleine mit meinen Gefühlen und überfordert. Es ängstigt mich, mich ihnen zu nähern, mich mit ihnen zu beschäftigen. Sie scheinen unberechenbar und unlogisch.

Ich nähere mich ihnen langsam. Dann frage ich behutsam, was ihnen weh täte. Sie werden nicht stumm aber schauen mich mit geöffneten Mündern genauso ratlos an wie ich sie. Ich würde gerne weg laufen. Immer wieder wiederhole ich: Er hat mit ihr geschlafen und assoziiere die passenden Bilder. Ich will schauen,was passiert. Ich bin nicht wütend, nicht traurig, nicht enttäuscht…oder doch? Eine Stimme im Raum fragt mich plötzlich, ob ich es S denn nicht gönne. Schließlich hege ich ihr gegenüber einen gewissen Unmut. Ich spüre wie ich mich meinen Gefühlen annähere, aber immer noch gestehe ich mir gewisse Gefühle einfach nicht zu. Aber jetzt weiß ich: Sie sind da. Ja es ist irgendwie ein Problem. Ich gönne ihnen die intime Zweisamkeit nicht hundert prozentig. Vor Allem habe ich Angst und fühle mich benachteiligt. Jetzt meldet sich ein Patient zu Wort. Er schaut mich mit leeren traurigen Augen an und fragt: Und was ist mit mir? Bin ich nicht gut genug? Ist sie besser als ich? Ein anderer versucht ihn zu beruhigen. Er scheint zornig, aber bestimmt: Ach was er kann, kannst du schon lange. Du bist nicht schlechter und du kannst es ihm beweisen. Sie wollen dich alle vögeln und du solltest das Spiel mitspielen und dich nicht länger zieren. Plötzlich betritt die Vernunft erneut den Raum: Ihr seht doch alle die Wirklichkeit nicht. Er liebt euch, euch alle und das ist kein Spiel. Ihr solltet keine Ängste oder Rachegelüste haben. Das hat er nicht verdient. Der Zorn meldet sich wieder: Und ob er es verdient hat. Er hat es doch herausgefordert. Doch die Vernunft schafft es ihn zu besänftigen. Sie wird ihn aber nicht auflösen können. Ich sehe außerdem einen knickrigen Patienten mit blitzenden Augen. Er nennt sich Neid. Der Herr hat sich also auch hier eingenistet. Der Patient, der sich zuerst äußerte, ist auch der Größte von allen. Er steht sicher auf seinen riesigen Füßen, wie ein unverrückbarer Baum. Er ist Dauerpatient. Ich kenne ihn gut und denke, dass er diesen Raum wohl nie verlassen wird. Aber phasenweise geht es ihm gut, dann gluckst er glücklich vor sich hin die Knie an den Bauch gezogen und sich wiegend, wie ein riesiges Baby und das macht mich gelassen. Die meiste Zeit jedoch ist er sehr unsicher. Er fragt viel. Dieses Mal frage ich viel. Wovor hast du Angst? Vielleicht verliert unsere Beziehung an Intensität. Vielleicht mag er sie irgendwann mehr als mich. Vielleicht macht sie ihn mehr an…immerhin ist sie feuchter. Vielleicht verliebt sich irgendwann eine Frau unglücklich in ihn oder sogar glücklich. Was mache ich dann? Ich würde den großen klobigen Kerl gerne drücken und sagen, dass alles gut wird, aber die Gewissheit hat man nie. Im Laufe der Sitzung beruhigt die Vernunft alle zusehends. Ich fühle mich ein wenig erleichtert, aber immer noch mulmig. Mit all diesen Gefühlen muss ich leben, aber ich vertraue der Vernunft. Sie verbindet sie alle und hat meist den besseren Überblick. Sie sagt mir, dass alles gut wird und dass ich meine Gefühle nicht übergehen darf. Sie kann die Diagnose stellen. Sie ist kompetent und hilft. Und sie gibt mir das Gefühl, dass eigentlich alles gut ist. Ich möchte ihm die Freiheit nicht nehmen. Ich liebe ihn und er liebt mich. Eigentlich ist alles gut…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: