Der Überfall

Januar 30, 2010

Ich sitze in der U-Bahn. Plötzlich ist es still. Nicht wirklich still. Ich höre die Räder der U-Bahn auf den Schienen entlang reiben. Ich fange von ein paar jungen afrikanisch aussehenden Männern ab und an einige französischen Gesprächsfetzen auf, die ich nicht verstehe, aber sonst ist es still. Gerade hat mich der Vater von P (meines vorletzten Freundes) aus dem Auto am U-Bahnhof Wuhletal abgesetzt. Ich hatte ihn und seine Frau I, meine Wunschmutter, nach langer Zeit wieder ein mal besucht.

Der Tag lag überhaupt voller Erinnerungen und Melancholie. Ich hatte Heimweh, Heimweh nach Marzahn- Hellersdorf, obwohl niemand meiner engeren Freunde oder Verwandten hier verblieb. Bis auf meinen Ex-Freund. Vor etwa einem Jahr bin ich geflüchtet aus diesem Bezirk. Mehr ungewollt, aber eine Flucht war es trotzdem. Mein Freund H und ich lebten zusammen in einer kleinen Neubauwohnung am U-Bahnhof Kaulsdorf Nord. Ein halbes Jahr lang lebten wir dort sehr harmonisch in unserer kleinen Welt zwischen leckerem Italiener, Abitur, Pizza-Mann, Studium, Verein, Musik und World of Warcraft. Er liebte seine Gitarre und mich und das reichte mir. Irgendwann jedoch verschob sich die Realität und das Abitur war vorbei. H liebäugelte mehr mit seiner Unzufriedenheit und seiner Ziellosigkeit als mit mir und irgendwann verschwand ich einfach aus seiner Welt. Ich wollte gehen, damit er mich mit neuem Abstand entdecken konnte und zog in Uni-Nähe, nach Charlottenburg. Ich floh vor der Kälte und der Ignoranz, vor der Gleichgültigkeit, die er mir entgegen bracht. Damals brach eine Welt für mich zusammen. Nach zwei Jahren Beziehung regenerierte ich mich in meiner neuen WG nur langsam. Ich fing an zu rauchen, weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, vögelte wild in der Gegend rum und ver- und entliebte mich so schnell wie meine Sex-Partner wechselten. Ich war rastlos, taumelte zwischen dem Glück meiner neu gewonnenen Freiheit und der Einsamkeit, in die mich H entließ. Irgendwann ebbte der Schmerz jedoch ab und ich fand wieder Kraft.

Wir rumpeln durch die Tunnel der Stadt. Im Auto sprachen wir noch über Dreiecksbeziehungen und der Vater von P meinte, dass diese nie gut gehen. Ich versuchte ihnen schon beim Essen zu versichern, dass ich alles im Griff hab, das alles okay ist und es mir gut geht. Im Auto jedoch fing ich an meinen Unmut über S Verhalten zu äußern. Dass ich mich vernachlässigt fühlte von ihr. Er verabschiedete mich sehr liebevoll und drückte mir einen Schmatz auf die Wange, wie ein richtiger Vater, den ich nie hatte. Aber er sah mich auch besorgt an, wie ein richtiger Vater und von da an tat es weh. Ich kämpfe mit den Tränen. Ich weiß nicht warum mich diese Traurigkeit plötzlich überfällt. Ich kämpfe weiter und hoffe, dass sie mich vor meiner Ankunft bei K verlässt. Als ich die U-Bahn verlasse, glaube ich alles im Griff zu haben…wie ich das schon seit dem Freitag Nachmittag glaube an dem ich die sms las. Aber je näher ich der Tür komme, desto mehr zieht sich mein Herz zusammen. Er öffnet die Tür. Auch er schaut besorgt, aber auch erfreut. Ich drücke ihn und will ihn nie wieder los lassen. Ihm geht es ähnlich. Dann gehen wir in die Küche. Plötzlich sehe ich es. Ein riesiger Aufschrei fährt durch meinen Körper. Immer wieder starre ich die kleine blau verfärbte Stelle auf seinem Hals an. „Sie hat ihn markiert“ ist alles was ich denken kann und ich flüchte mich erst ein Mal in Schweigen und eine blaue Dunstwolke. „Schnell den Schmerz mit Nikotin betäuben und mich ruhig stellen…das habe ich schon oft gemacht und bis jetzt hat es immer geholfen“. Lässig sitze ich auf meinem Stuhl, atme den beruhigenden Rauch des Todes ein, der mich irgendwie tröstet und versuche weiter die Fassung zu wahren. „Sie hat dir einen Knutschfleck gemacht“ entfährt es mir irgendwann und mein Herz wird noch enger geschnürt. Wir wechseln die Zimmer, nachdem er uns einen Milchshake gemacht hat. Ich rolle mich wie ein Schutz suchendes Kind auf dem Bett zusammen. Ich will, dass er mich drückt, dass er sagt, dass er nur mich liebt, dass das alles wirklich nichts bedeutet und ich einfach in seinem mir schon so bekannten Duft ertrinken kann. Eingekuschelt liegen wir auf dem Bett. In dieser Schutz bietenden Position kann ich es wagen ein paar Tränen zu vergießen. Ich will reden, weiß aber nicht über was. Wir wollten eine offene Beziehung, ja der Sex zu dritt war sehr schön und sie sollten ihn auch alleine genießen können. Ich verstand immer noch nicht ganz wo das Problem lag, aber das Problem ergoss sich schon längst in Sturzbächen über mein Gesicht. Ich begann zu reden und irgendwann gestand ich es mir ein. Ich war neidisch, auf beide. Auf ihn, weil sich S scheinbar lieber Zeit für ihn nahm als für mich und auf K, weil er es vor mir probiert hatte und ich einen zwar irgendwie heiteren, aber auch ernüchternden Abend gehabt hatte. Und deshalb fühlte ich mich irgendwie betrogen, ausgeschlossen. Immer wieder sah ich vor meinen Augen wie sie ihm diesen grässlichen Knutschfleck anheftete und mir wurde ganz übel. Irgendwann versiegten meine Tränen. Er tröstete mich, obwohl ich das Problem war. Ich schämte mich für meine egoistischen Gefühle. Ich wollte ihm nahe sein und alles vergessen. Und dann waren wir uns nahe. Es tat noch weh und die Entdeckung eines weiteren Flecks auf seiner Brust machte es nicht leichter, aber ich war mir sicher, dass es bald aufhört. Und es hörte auf.

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2 Antworten to “Der Überfall”

  1. kenny said

    Deine Posts verwirren mich. Du bist schon noch mit Spitznahme D Realname S (ich folge dir einfach mal mit den Abkürzungen) zusammen oder?

    • Also K und ich sind nach wie vor ein Paar. S ist unsere gemeinsame Freundin mit der wir eine ziemlich spezielle Beziehung haben. Ich meinte mit „Und es hörte auf“ nur, dass der Schmerz aufhörte. Ich hatte ja gar keinen Grund mich zu trennen. Schließlich habe ich den beiden erlaubt intim miteinander zu sein bzw. brauchten sie die Erlaubnis ja eigentlich nicht, weil sie freihe Menschen sind. Ich war also nicht gekränkt, weil sie mich im allgmein gesellschaftlich präsenten Konsens „betrogen“ haben, sondern weil ich Probleme mit S hatte, aber das beleuchte ich im nächsten Text noch mal 🙂

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