Mein Vater

Februar 16, 2010

Es ist ein ganz normaler Tag. Ich bin 12 Jahre alt. Meine Mutter liegt in der Badewanne. Das kann sie stundenlang.

Diese Angewohnheit habe ich von ihr übernommen. Die längste Badezeit für mich ist ca. 4 Stunden. Bei guter Musik und einem guten Buch bade ich jedoch normalerweise ca. ein bis zwei Stunden. Die Badewanne war für meine Mutter und ist nun für mich der perfekte Ort zum entspannen. Man lässt die Gedanken treiben und der Körper löst sich in angenehmes Wohlbefinden auf, während die Emotionen sich nur noch so leicht kräuseln wie die Wellen im Badewasser. Ich weiß nicht warum, aber ich war schon immer besonders Wasser affin. Auch auf Seen schwimme ich soweit raus wie ich kann, um allein zu sein. Meistens lasse ich mich irgendwann auf dem Rücken treiben und stelle mir vor, dass der See ein riesiges leichtes Bett wäre, in dem ich mich auflöse und der Himmel meine Zudecke ist.

An jenem Tag jedoch schien meine Mutter ein Gedanke nicht mehr los zu lassen. „Heike, kommst du mal bitte kurz“? Ich ging ins Bad und setzte mich neben die Badewanne. „Ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Dein Vater ist nicht dein richtiger Vater“. Ich war im ersten Moment total überrascht, aber irgendwie machte das Sinn. Es war seltsamerweise selbst verständlich. Nach etwa einer Minute hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, dass der Mann, denn ich 12 Jahr für meinen leiblichen Vater hielt, gar nicht mein Vater war. Ich begann meine Mutter aus zu fragen. Sie erklärte mir die damaligen Umstände. Sie hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und war wohl kurz danach wieder mit zwei Anderen intim. Es gab einen Schwangerschaftstest. Sie hoffte insgeheim, dass es ihr Ex-Freund sei, weil sie noch sehr an ihm hing, aber es war ausgerechnet der verheiratete One-Night-Stand. Dieser wollte natürlich nichts von mir wissen. Schließlich war ich der Beweis seiner Untreue und zudem hatte er wohl schon eine Tochter. Als ich ca. ein Jahr alt war, heiratete meine Mutter meinen Stiefvater und mein Bruder wurde geboren. Nach ca. noch einem Jahr ließen sie sich wieder scheiden. Trotzdem war mein Stiefvater mir immer ein Vater, selbst als meine „Eltern“ getrennt waren. Er war kein besonders aufmerksamer Vater, aber ich wusste, dass ich immer zu ihm kommen könnte, wenn ich ein Problem hätte, bei dem meine Mutter mir nicht weiterhelfen konnte.

Ich hatte also einen anderen Vater. Meine Mutter fragte mich, ob ich ihn den kennen lernen wollte. Natürlich wollte ich. Wir fuhren also einige Tage später zu ihm. Seine Frau macht uns auf und holte ihn an die Tür. Wir gingen in ein Kaffee und redeten. „Ich wusste, dass dieser Tag mal kommt“, war seine Reaktion auf unseren Besuch. Zunächst sprachen meine Mutter und er viel über alte Zeiten. Ich fühlte mich fehl am Platz. Er fragte mich fast nichts und wollte, dass ich ihn ausfragte. Mir viel nicht viel ein. Ich fragte, ob ich ihm schreiben dürfe. Er meinte ja, aber ohne Absender. Ich fragte, ob ich noch Großeltern oder andere Verwandte habe und über meine Halbschwester. Er meinte, dass ich auf meine Kinder wegen einer Hüftverstellung acht geben sollte. Diese sei erblich und bei seiner Tochter aufgetaucht. Als ich ein Jahr alt war, hatte ich daher einen Spreizgips. Das Treffen war etwas ernüchternd. Ich hatte gehofft, dass ich meinen väterlichen Familienteil kennen lernen dürfte und er mehr Interesse an mir zeigen würde. Er möchte jedoch nicht, dass seine Familie von mir erfährt. Seine Frau weiß es zwar schon, aber er fragt sich, was der Rest der Familie darüber denken würde.

Zum Abschied wollte ich ihm ein Passfoto von mir schenken. Er wollte es mir zurückgeben uns sagte „Wozu brauch ich das“?. Meine Mutter überzeugte ihn aber davon, es doch zu nehmen. Er hat mir nie eine Karte geschickt, nie auf meine Briefe geantwortet und nicht mal nach mir gefragt als meine Mutter zwangs eingewiesen wurde und ich zu meinem Stiefvater zog. Als ich mit Studieren anfing, besorgte er sich einen Anwalt, der jetzt den Kindergeld- und Bafögkram mit mir abspricht. Er ist nicht mein Vater. Er ist nur mein Erzeuger geworden. Alles in Allem ist er sogar ein ziemliches Weichei und ein Schisser und irgendwann, wenn er tot ist, werde ich meine Halbschwester kennen lernen. Für meinen Geschmack viel zu spät, aber ich warte auf dieses freudige Ereignis.

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Eigentlich müsste hier ein langer Artikel zur Nazi-Blockade in Dresden stehen, aber da schreiben ja auch viele Andere drüber und wenn ihr wissen wollt, was so passiert ist, könnt ihr diesen Blog-Eintrag lesen: http://www.woschod.de/2010/02/13/dresden-13-februar-nazis-erfolgreich-blockiert/. Etwas kritischer wird der http://blog.adrianlang.de das bestimmt in Kürze aufarbeiten, der in unserer Bezugsgruppe war. Allgemein kann man sagen, dass wir eine Großdemo der Nazis verhindern konnten, jedoch Splittergruppen trotzdem durch die Stadt ziehen konnten. Im Großen und Ganzen waren die Nazis aber ganz schön angepisst, weshalb sie in anderen Städten randalierten und ein antifaschistisches Zentrum in Dresden (AZ Conni) angriffen. Wir waren überwiegend bei der großen Blockade auf der Hansastraße und schauten später noch bei der Absperrung Fritz-Reuter Straße Ecke Hansastraße rein, weil wir befürchteten, dass die Nazis in der Nähe eine Glegenheit zum Durchziehen bekommen könnten. Dort wurden auch brennende Barrikaden von Autonomen errichtet und dann auch Wasserwerfer von der Polizei eingesetzt. Grund für den Einsatz der Wasserwerfer waren offiziell tatsächlich Schneebälle, die von Demonstranten auf die Polizei geworfen wurden. Am Ende der Blockade, gegen 17 Uhr, wurden erstmals massiv und aggressiv Demonstranten von der Polizei festgenommen. Wir konnten beobachten wie ein Demonstrant, der ein Polizeiauto mit der Handfläche schlug, von einem Beamten beinahe zusammengeschlagen wurde. Andererseits gab es zum Ende hin auch ziemliche Idioten, die aus Polizeiautos, die uns den Weg zu den Bussen versperrten, Luft aus den Reifen ließen oder Seitenspiegel zerstörten, obwohl diese Fahrzeuge noch weggefahren werden sollten, damit wir zu den Bussen kommen konnten. So mussten sich die 10 000 Demonstranten durch ein oder zwei Auto-Lücken schlängeln. Gleichzeitig ist jedoch auch nicht zu verstehen, warum wir so lange auf Polizeischutz warten mussten, wenn schon unzählige Beamten in unserer Nähe waren und wir zu 10 000 durch die Stadt marschierten. Die Polizisten am Blockade-Punkt Hansastraße waren jedoch sehr entspannt und ließen auch einen ausgiebigen Schneeballbewurf mit einem ironischen Lächeln zu. Am Ende konnte man sogar einige Beamte zur Musik mitwippen sehen. Nächstes Jahr bin ich auf alle Fälle wieder mit dabei. Der abschließende Demonstrationszug war ein gelungener Abschluss für die ganze Aktion.  In diesem Sinne: „No Paserán!“

Kaffeeklatsch

Februar 14, 2010

Heute ist Valentinstag. Nachdem ich mich aus dem Bett gequält habe und überrascht darüber war, dass die gestrigen Schmerzen von den 10 Stunden Stehen und Laufen auf der Nazi-Blockade in Dresden wirklich an Intensität abgenommen haben, wusch ich mich und zog mich an. Ich war verabredet. K. fuhr mich zum S-Bahnhof Ostkreuz, damit ich mich besser in Richtung Hohenschönhausen aufmachen konnte. Ich sollte um 14 Uhr ankommen. Bisher hatte ich mich immer um mindestens 20 Minuten verspätet und so war ich sehr erleichtert, als ich um punkt 14 Uhr vor der Tür meines Stiefvaters stand.

Als Erstes kam mir Ayra, eine kleine Mischlingshündin, aufgeregt kläffend entgegen. Mein Stiefvater hatte sie sich vor ca. einem Jahr zu gelegt. Etwas später legte sich seine Freundin passender weise eine Katze zu. Ich frage mich bis heute, ob sie sich unterschwellig von ihm abgrenzen oder ihn provozieren wollte. Ayra ist von ihrem Aussehen nach ein typischer Rentner-Hund und passt deshalb sehr gut zu meinem Stiefvater. Unpassend ist nur ihre übergroße Begeisterungsfähigkeit und Freude über Besucher. Ich habe die Kleine schon am ersten Tag in mein Herz geschlossen und liebe es, sie ausgiebig zu streicheln und zu kraulen. Sie dankt es einem durch unkoordiniertes Schlecken, wobei sie seltsamerweise eine Vorliebe fürs Bauchnabel- und Ohrauslecken hat.

Aber zurück zum Kern meiner Familie. Ich habe ca. 6 Jahre bei meinem Stiefvater gelebt. Er ist der leibliche Vater meines Bruders und war ein Jahr mit unserer gemeinsamen Mutter verheiratet. Das war vor ungefähr 21 Jahren. Danach ließen sie sich scheiden und mein Bruder und ich lebten bis zu meinem 15. Lebensjahr alleine bei unserer Mutter. Warum sich das änderte, ist eine lange Geschichte und wird wohl Stoff für einen anderen Blog-Eintrag bieten.

Besuche bei meinem Stiefvater sind immer so etwas wie eine Begegnung mit der anderen Art. Sie erinnern mich daran, dass nicht alle studiert haben, engagiert und abenteuerlustig sind. Als ich ankam, saß die Freundin meines Vaters, ein großer Fan der „Pussy Cat Dolls“, auf dem Bett und guckte die Wiederholung von „Deutschland sucht den Superstar“. Der Tisch war schon mit Kaffee und Kuchen bestückt. Es war ca. 5 Minuten nach 14 Uhr und mein Stiefvater fing an sich darüber aufzuregen, dass mein Bruder, der wohl auch noch zum Kaffee- Trinken beordert wurde, noch nicht gekommen war. Es klingelte just in diesem Moment und ich öffnete meinem Bruder mit einem wissenden Lächeln die Tür. Er war ziemlich kaputt, weil er noch gestern auf einer Party war und dort wohl sehr stark dem Alkohol gefröhnt hatte. Wir setzten uns und aßen Zupf- und Käsekuchen mit Schlagsahne. Dazu gab es massenweise Kaffee. Die Gespräche fingen an. Ich hatte schon versucht alle für ein Gespräch über die Nazi-Blockade in Dresden und die Erlebnisse dort zu gewinnen, war jedoch, wie immer wenn ich etwas mir als wichtig erscheinendes erzählen will, gescheitert. Es kam also zu einem ausführlichen Gespräch über V&C Kochgeschirr, Staubsaugerbeutel, Fahnenverbote, Handytarife, das Sparverhalten meines Bruders und Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen. Zwischendurch wollte mein Bruder bei einem Film rein gucken, den er angefangen hatte zu schauen. So dass zwischenzeitlich zwei (!) Fernseher liefen. Ich konnte also zwischen dem wundervollen Film „Biker Boys“ und einer Doku über die Rettung von einem Café – Betrieb wählen. Gegen 17 Uhr verabschiedete ich mich, weil wir am Sonntag immer unseren WG-Putztag haben.

Ich mag meine Familie, aber ich habe kaum Gemeinsamkeiten mit ihnen. Immer wieder muss ich resignieren, wenn ich versuche sie an meinem Leben Anteil nehmen zu lassen. Berechtigterweise muss ich jedoch auch sagen, dass ich an ihrem Leben auch nicht viel Anteil nehme. Denn was habe ich schon zu „Deutschland sucht den Superstar“, „Biker Boys“ oder zu Handytarifen zu sagen?

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass mein zuletzt veröffentlichter Artikel vielleicht unter die Kinderpornographie fallen könnte, möchte ihn aber trotzdem weiter veröffentlichen und nur noch einmal darauf verweisen, dass ich Kinderpornopraphie auf keinen Fall unterstütze. Die Intention dieses Artikels ist es das Thema einfach öffentlicher zu machen und nicht tot zu schweigen. Ich möchte auch erzählen, was genau passiert ist, damit es keine Missverständnisse gibt und keiner schwammige Fantasien über den Ablauf des Geschehens entwickelt. Für eine Vertiefung des Themas empfehle ich diese Website : http://www.praevention.org/basiswissen.htm . Sie ist leider optisch nicht besonders gut aufbereitet, aber informativ.

Meine Sexualität

Februar 11, 2010

Ich mache mir ziemlich häufig Gedanken über meine Sexualität. Sie nimmt einen ziemlich großen Raum in meinem Leben ein, manchmal denke ich, einen zu großen.

Meine sexuellen Aktivitäten begannen recht früh, wenn auch erzwungen. Meine Mutter zog mich und meinen Bruder allein groß und hatte anfangs sogar noch Arbeit. So kam es, dass wir viel Zeit alleine verbrachten. Wir waren Schlüsselkinder und stromerten auf den Straßen von Marzahn herum. Eines Tages lernte mein Bruder einen älteren Mann kennen. Er freundete sich mit ihm an. Ich denke er war so um die 50 Jahre alt. Ich war 6 oder 7 Jahre alt. Wir gingen auf eine Einladung hin einmal zu ihm zum Café-Trinken. Wie meine Mutter uns das erlauben konnte, ist mir bis heute schleierhaft, aber ich denke, dass sie schon damals psychisch krank war. Während mein Bruder auf dem Teppich Fernsehen guckte, machte ich auf dem Sofa unterm Tisch das erste Mal in meinem Leben die Bekanntschaft mit einem ausgewachsenen Penis. Der Mann machte seinen Reißverschluss auf und hielt ihn in mein Gesichtsfeld. Als nächstes sollte ich ihn in den Mund nehmen und mir wurde das von den Männern so gemochte Blasen beigebracht. Ich verstand nicht,was ich tat und war das neue Werkzeug eines pädophilen alten Mannes. Ich ersetzte glaube ich seine Ex-Frau. Wir gingen oft zu ihm. Mein Bruder wurde vor dem Fernseher geparkt, während ich im Schlafzimmer ausgezogen und begrabscht wurde.

Es gefiel mir, wenn er mich anfasste und meine Muschi leckte, es gefiel mir weniger seinen dicken Penis in meinen Kindermund zu nehmen, während er meinen Kopf in den richtigen Rhythmus drückte oder ich es ihm mit der Hand machen sollte. Ein Mal versuchte er in meinen kleinen Mädchenkörper einzudringen, aber er wollte mir nicht weh tun und gab es nach ein zwei Versuchen auf. Ein anderes Mal ejakulierte er auf mich. Er wurde danach sehr nervös und zwang mich sofort unter die Dusche. Er schenkte mir Armbänder seiner Ex-Frau und meinem Bruder und mir Spiele. Gleichzeitig drohte er mir, mich umzubringen,wenn ich jemandem jemals von unseren Spielereien erzählen sollte. Er machte mir keine Angst. Allein die Scham über das Erlebte, nachdem ich überhaupt begriff, was ich da tat, brachte mich einige Jahre zum Schweigen. Selbst als meine Mutter mich zum Frauenarzt brachte, weil er mir meine erste Geschlechtskrankheit schenkte, schwieg ich aus Scham. Ich war schließlich freiwillig zu ihm gegangen und mir gefiel sogar teilweise, was er mit mir machte. Er hatte mich nie geschlagen. Heute habe ich tausend Mal härteren Sex. Ich dachte ich wäre selbst schuld. Ich fühlte mich schmutzig. Dank meiner Therapeutin erkannte ich später, dass ich mich oft in Situationen brachte, die das ganze Szenario wiederholten. Ich wollte vergewaltigt werden, weil ich dachte, ich hätte es nicht anders verdient.

Mit 6 oder 7 hatte ich meine ersten sexuellen Erfahrungen. Das prägt. Bis heute stelle ich mir beim Sex oder wenn ich es mir selbst mache einige Szenen dieser Erfahrungen vor. Es macht mich irgendwie an und selbst dafür schäme ich mich. Aber es ist Gott sei dank nicht das Einzige, was mich an macht. Gleichzeitig jedoch überkommt mich eine große Ohnmacht und Wut, wenn ich daran denke, dass ich mich so oft in eine Opferrolle dränge, in die ich nicht gehöre. Er hat mich einfach benutzt und ist ungestraft davon gekommen. Er hat mein ganzes Leben verändert und geprägt und das nicht gerade positiv.

Diese Erfahrungen kann leider keine Liebe der Welt tilgen und ich wünsche sie keinem anderen Menschen. Immer wenn ich daran denke, dass jede dritte Frau einmal sexuell belästigt wurde, wird mir ganz schlecht und ich frage mich, wann endlich jemand kommt und sich um die ohnmächtigen Opfer kümmert. Wer die Frauen oder auch Männer anspricht und ihnen Mut macht die Wahrheit zu sagen. Wer uns das Gefühl gibt, dass wir nicht schändlich und entweiht sind, weil irgendein Ekel Lust hatte uns zu benutzen. Wer hilft uns, den Mut zu finden gegen unsere Täter aus zusagen? Wie kann so eine Tat überhaupt verjähren und warum wird ein eventuell zerstörtes Leben weniger schlimm geahndet als ein angezündetes Polizei-Auto? Ich stehe wieder mitten im Leben, aber es gibt viele, die nicht aufgefangen werden. Sie alle fallen und niemand scheint sich darum zu kümmern.

Ich bin zwar auch noch das kleine ängstliche Mädchen, aber dieses Mädchen wird jetzt von einer halbwegs erwachsenen Frau gelenkt. Ich beschütze mich selbst und lasse nicht mehr zu, dass man mich ausnutzt. Meine Sexualität gehört mir und ich teile sie mit dem, den ich gewählt habe und in den Grenzen, die ich bestimme. Ich werde geliebt und das unabhängig davon, wie oft oder wie gut ich blasen kann und trotzdem werde ich in meiner Erinnerung immer ein Opfer sein und mich dafür schämen.

Das Licht geht an.

Februar 7, 2010

Wir springen die ganze Zeit um einander herum und stehen am Ende auf unterschiedlichen Feldern. Bis zum letzten Moment zögern wir die Entscheidung für ein Feld heraus. Will ich eine offene Beziehung? Kann ich damit leben, wenn er eine offene Beziehung will? Ich entscheide mich erstmal für das Zwischenfeld, für „Vielleicht“. Schließlich kann ich mir eine Affäre mit R gut vorstellen. Ich verliere K dabei aber aus den Augen und verpasse seinen bewussten Sprung auf „Nein“ .

1, 2, 3 letzte Chance vorbei! Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht“.

Das Licht geht an. Er steht alleine auf dem beleuchteten Feld und sieht mich enttäuscht an. Ich hatte es verpasst, zu ihm zu springen. Dabei will ich doch nichts lieber als mit ihm im Licht stehen. Wie konnte ich das nur vergessen. Sex oder Liebe mit anderen hin oder her. Ich will ihn. Nein, ich will vielmehr uns. Das ist alles, was ich wirklich brauche. Warum wollte ich uns immer wieder kleine Tode sterben lassen, um eine Freiheit aus zu leben, die ich gar nicht benötige? Wir sind doch auch so glücklich, sogar glücklicher. Wir haben weniger Angst, mehr Intimität, mehr Vertrauen und weniger Schmerz. Auch sexuell gesehen, erlebe ich mit K auf Grund meiner Gefühle für ihn immer wieder neue Höhepunkte, die ich mit Anderen nie erleben könnte.

Ich hatte mich so unter Druck gesetzt, dass ich das alles schon vergessen hatte. Wir sind keine Kandidaten für offene Beziehungen oder die Polyphilie. Ich hätte das viel früher erkennen können. Ich zwang mich dazu Schmerzen zu ertragen und zu verursachen. Zur Liebe gehört es für mich jedoch, unnötige Verletzungen des Partners zu vermeiden. Für mich sind die Verletzungen, die wir uns in den letzten Wochen zugefügt haben nicht wirklich unnötig, weil ich aus ihnen gelernt habe und jetzt mehr denn je weiß, was ich will. Es wäre jedoch unnötig, die gleichen Situationen immer wieder von Neuem zu durchleben. Ich kann meine menschliche Unsicherheit nicht abschalten und er genauso wenig. Wir sollten sie also nicht täglich herausfordern und uns in eifersüchtige Gefühle stürzen, die wir in solchen Situationen nicht vermeiden können.

Vielleicht sind wir ja spießig, aber diese Zweisamkeit ist das, was wir uns wünschen und was wir brauchen. Ich bin endlich wieder glücklich.

Alles ist dumpf. Ich bin umgeben von einem Wattebausch, der meine Tränen aufsaugt und die Stimme die von außerhalb kommt, dämpft. Ich spüre ab und an einen dumpfen Schmerz in meinem Herzen, aber alles ist weich, fast fließend. Nichts kommt an mich heran. Nur ein Bruchteil dessen, was er sagt erreicht mich in meinem Wattegrab. Selbst er ist in diesen Wattebausch integriert. Seine Arme, die mich umarmen und sein Oberkörper, der sich an meine Seite schmiegt, sind wie warme weiche Flocken. Es ist tröstlich, aber auch beängstigend. Immer wieder denke ich: „Ich will etwas spüren! Warum spüre ich nichts? Sie haben mich betrogen“. Doch dann ist da doch ein kleiner dumpfer Stich und die Tränen fließen weiter.

Gestern Nacht waren wir mit den anderen bei der Sneak. Danach war ich müde und fühlte mich seltsam. Ich grübelte. Was wollte ich eigentlich? Ja, es war schön die anderen zu küssen, aber brauchte ich das wirklich?. K war jedoch auch seltsam. Er wirkte irgendwie verzweifelt, so als ob er mir zeigen wollen würde, dass irgendwas nicht stimmt. Es war nur so eine Ahnung. Bei K angekommen war ich weiter in meine Gedanken verstrickt. Ich wusste nicht, was ich wollte. Polyphilie (oder Polyamorie), offene Beziehung oder Monogamie? Ich wirkte wohl leicht abwesend, was K verunsicherte. Wir redeten noch, aber ich war wirklich müde und schlief alle fünf Minuten während des Gesprächs ein. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte, denn ich wusste nicht, was ich wollte…

Am nächsten Tag rief mich K an. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Seine Stimme klang beängstigend bedrückt. Er wollte mich sprechen und gleich zu mir nach Hause kommen. Auf dem Weg zu mir machte ich mir unglaublich Sorgen. Ich malte mir aus, was wohl passiert sein könnte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Als er ankam, sah ich in sein durch Sorgen verdunkeltes Gesicht. Wir kuschelten uns in mein Bett, nachdem ich ihm einen Tee gemacht hatte. Dann brach es aus ihm heraus. Er hatte Angst. Er dachte ich würde mich von ihm distanzieren. Er wollte mich nicht teilen und fand, dass unsere Experimente in letzter Zeit wohl für ihn gescheitert waren. Für mich kam das alles sehr überraschend. Warum hatte er das so lang mit sich rum geschleppt? Warum empfand er alles so schlimm? Ja wir hatten uns verletzt, aber ich fand die Erfahrungen eigentlich eher bereichernd als zerstörend. Ihm ging es offensichtlich nicht so und irgendwie enttäuschte mich das. Nachdem ich versuchte ihn zu beruhigen, gestand er mir noch, dass er schon vorher mit S geschlafen hatte. Es war sogar vor unserem zweiten Dreier passiert. Ich war geschockt, aber merkte es kaum. Vorher hatte ich beide noch bei M verteidigt, die mich fragte, ob ich mir sicher sei, dass die beiden nicht schon vorher was gehabt hätten. Ich antwortete sehr bestimmt, dass ich mir sicher sei, dass sie mir davon erzählt hätten und dass das ja echt krass wäre. Jetzt ist es echt krass.

Ich kann nicht mehr denken. Ich weiß, dass ich ihnen verzeihen werde und das lähmte mich noch mehr. Ich ziehe mich weiter in die Wolke aus Watte zurück. Ich möchte hier bleiben. Irgendwann beruhigt sich K. Ich denke, dass ich auch wieder funktionieren kann. Als ich mich jedoch wieder an den PC zum Lernen setze, nachdem er gegangen ist, wird mir unglaublich schlecht. Ich denke darüber nach, ob ich mich zum Kotzen bringen sollte oder nicht. Später bekomme ich noch Besuch von meinem Bruder. Manchmal versuche ich zu lachen. Ich bin den ganzen Abend jedoch sehr still und rauche eine Zigarette nach der anderen, aber fühlen kann ich nichts. Mein Kopf ist unglaublich leer…

Wiedersehen mit R, Teil 2

Februar 2, 2010

Ich fragte mich mehrfach, wie er mich wohl empfand. Warum wollte er mich wieder sehen? Was hatte ihn an mir fasziniert? Würde es wie auf der Party sein oder würden wir keinen Draht mehr zueinander finden? In der U-Bahn wurde ich immer nervöser. Ein Geiger stieg ein und spielte genau die Melodie, die ich brauchte. Er spielte mich. Ich suhlte mich in meiner stillen Aufregung und strahlte. Ich hatte kein schlechtes Gewissen es sollte einfach so sein. Ich hoffte nur, dass K es auch verstehen würde. Genau in diesem Moment rief K mich an. Jetzt bekam ich doch ein wenig Angst. Ich war ehrlich. Sagte, dass ich mich jetzt mit R Treffen werde. Er klang etwas besorgt, aber das musste er nicht sein. Es war nur eine Expedition, aber ich wusste, wo meine Heimat lag und würde sicher zurück kehren zu ihm, in seine geliebten Arme. Ich wusste, dass ich mit ihm mein Leben verbringen will und selbst die Faszination für R das nicht ändern konnte. Der Anruf festigte mich nach anfänglich mulmigem Gefühl. Es erinnerte mich daran, dass alles nur ein Abenteuer war. Es war keine Flucht nur ein Ausflug. Ich strahlte den auf mich wartenden R an und wir umarmten uns zur Begrüßung. Er wirkte unsicher, aber mir ging es ähnlich. Wir gingen in eine kleine gemütlich Bar in Neukölln. Er kaufte mir einen Rotwein und während er am Tresen bestellte, hatte ich Zeit um alles in mich aufzusaugen und mich zu orientieren. Ich beobachtete die Menschen um uns herum und dann ihn. Er stand mit leicht gekrümmten Rücken und vorgestrecktem Kopf am Tresen. Er wirkte wie ein Träumer. Es war so unperfekt, machte ihn aber noch sympathischer. Wir kamen schnell ins Gespräch. Es war wunderschön. Wir lachten und erzählten uns ernste Dinge. Wir sprangen auf die Welle auf, die wir vorher von Weitem gesehen hatten. Irgendwann war ich leicht betrunken. Die Couch wurde frei und wir kuschelten uns zögerlich aneinander. Ich weiß nicht mehr warum oder wann und wer anfing, aber wir küssten uns und konnten ab da an nicht mehr voneinander lassen. „Ich mag das Beißen beim Küssen“ war das einzige was noch an Worten gewechselt wurde. Wir vergaßen alles um uns und genossen uns einfach. Dann gingen wir zu ihm. Wir liebten uns zwei mal. Es war nicht perfekt, aber sehr schön. Danach jedoch waren wir wieder unsicher. Wir gingen schlafen. Ich war wortkarg geworden, kuschelte mich an ihn, lächelte ihn ein zwei Mal ermunternd an und dann schliefen wir. Am nächsten Morgen fuhren wir zusammen U-Bahn. Wir fühlten uns noch verbunden und er meinte, dass er mich gern wieder sehen würde. Ich entgegnete, dass ich es auch schön fände, aber erstmal Rücksicht auf K nehmen möchte. Wir küssten uns zum Abschied und dann stieg er aus. Der Bann war gebrochen. Ob wir uns wieder sehen ist ungewiss. Gleichzeitig wäre es wünschenswert und doch vollkommen unnötig.

Wiedersehen mit R, Teil 1

Februar 1, 2010

Eine DM von ihm. Es steht nur ein Satz darin, aber die alte Aufregung ist wieder da. Ich fühle mich wie ein Schulmädchen vor seinem ersten Date. Eigentlich hatte ich mit dem Thema R Schon abgeschlossen. Gerade hatte ich sogar mein Okcupid Profil gelöscht, weil ich mich ganz K verschreiben wollte und genau in diesem Moment der Zuversicht, in dem ich diese lange heraus gezögerte Entscheidung endlich getroffen hatte, zerstörte er alles mit einem kleinen Satz. Der Bann war wieder da.

Ich hatte ihn erst ein Mal getroffen, auf einer Party. Er erinnerte mich sofort schmerzlich und gleichzeitig verzückend an L . Sein schlanker drahtiger Körper und seine katzenhaften Augen, die durch den Turban, den er auf dem Maskenfest trug, betont wurden, brannten sich mir in mein Bewusstsein. Irgendwann war ich mit ihm allein. Wir standen im Flur. Ich hatte ein Glas Wein in der Hand und ein Bücherregal schmiegte sich schützend an unsere Rücken. Wir sprachen über Vieles. Ich wollte alles über ihn wissen, wollte herausfinden, was es war, das mich so an ihm faszinierte, obwohl ich ihn nicht kannte. Ich vergaß alles um uns herum und widmete mich ganz ihm, während sich mein Kopf schon leicht drehte. Er war hübsch und klug und empfindsam. Meine Faszination war verboten und daher umso größer. Irgendwann gab es einen Schnitt in unserem intimen Gespräch, aber ich suchte immer wieder seine Nähe, wenn gleich ich meinen Partner dabei niemals vergaß. K war Liebe und er Faszination. Einigen anderen weiblichen Partygästen ging es ähnlich. Wir schwärmten ein wenig über seine Erscheinung auf dem Balkon.

Und jetzt sollte es wirklich doch noch zu einem Treffen kommen. Ich war unsicher, aber mein Herz klopfte bejahend und übertönte damit das Gewissen. K hatte sein erstes Mal schließlich hinter sich gebracht und jetzt war ich an der Reihe. Die Geschichte hatte mit ihrer Ouvertüre auch den Klimax erreicht. Er war es, der mich dazu brachte K zu Fragen, wie er reagieren würde, wenn ich mit einem anderen Mann schlafen würde. Somit vertiefte R unsere Beziehung, aber setzte sie auch gleichzeitig aufs Spiel. Alles nur wegen dieses unscheinbaren Mannes. Es war übertrieben, aber es war so. Ich war nicht verliebt. Es war eine Schwärmerei, die entweder durch die Zeit entkräftet würde oder durch die Realität. Ich war jedoch sehr ungeduldig und außerdem immer froh über neue Erfahrungen.

Er holte mich vom U-Bahnhof Rathaus Neukölln ab. …(Fortsetzung folgt)