Kaffeeklatsch

Februar 14, 2010

Heute ist Valentinstag. Nachdem ich mich aus dem Bett gequält habe und überrascht darüber war, dass die gestrigen Schmerzen von den 10 Stunden Stehen und Laufen auf der Nazi-Blockade in Dresden wirklich an Intensität abgenommen haben, wusch ich mich und zog mich an. Ich war verabredet. K. fuhr mich zum S-Bahnhof Ostkreuz, damit ich mich besser in Richtung Hohenschönhausen aufmachen konnte. Ich sollte um 14 Uhr ankommen. Bisher hatte ich mich immer um mindestens 20 Minuten verspätet und so war ich sehr erleichtert, als ich um punkt 14 Uhr vor der Tür meines Stiefvaters stand.

Als Erstes kam mir Ayra, eine kleine Mischlingshündin, aufgeregt kläffend entgegen. Mein Stiefvater hatte sie sich vor ca. einem Jahr zu gelegt. Etwas später legte sich seine Freundin passender weise eine Katze zu. Ich frage mich bis heute, ob sie sich unterschwellig von ihm abgrenzen oder ihn provozieren wollte. Ayra ist von ihrem Aussehen nach ein typischer Rentner-Hund und passt deshalb sehr gut zu meinem Stiefvater. Unpassend ist nur ihre übergroße Begeisterungsfähigkeit und Freude über Besucher. Ich habe die Kleine schon am ersten Tag in mein Herz geschlossen und liebe es, sie ausgiebig zu streicheln und zu kraulen. Sie dankt es einem durch unkoordiniertes Schlecken, wobei sie seltsamerweise eine Vorliebe fürs Bauchnabel- und Ohrauslecken hat.

Aber zurück zum Kern meiner Familie. Ich habe ca. 6 Jahre bei meinem Stiefvater gelebt. Er ist der leibliche Vater meines Bruders und war ein Jahr mit unserer gemeinsamen Mutter verheiratet. Das war vor ungefähr 21 Jahren. Danach ließen sie sich scheiden und mein Bruder und ich lebten bis zu meinem 15. Lebensjahr alleine bei unserer Mutter. Warum sich das änderte, ist eine lange Geschichte und wird wohl Stoff für einen anderen Blog-Eintrag bieten.

Besuche bei meinem Stiefvater sind immer so etwas wie eine Begegnung mit der anderen Art. Sie erinnern mich daran, dass nicht alle studiert haben, engagiert und abenteuerlustig sind. Als ich ankam, saß die Freundin meines Vaters, ein großer Fan der „Pussy Cat Dolls“, auf dem Bett und guckte die Wiederholung von „Deutschland sucht den Superstar“. Der Tisch war schon mit Kaffee und Kuchen bestückt. Es war ca. 5 Minuten nach 14 Uhr und mein Stiefvater fing an sich darüber aufzuregen, dass mein Bruder, der wohl auch noch zum Kaffee- Trinken beordert wurde, noch nicht gekommen war. Es klingelte just in diesem Moment und ich öffnete meinem Bruder mit einem wissenden Lächeln die Tür. Er war ziemlich kaputt, weil er noch gestern auf einer Party war und dort wohl sehr stark dem Alkohol gefröhnt hatte. Wir setzten uns und aßen Zupf- und Käsekuchen mit Schlagsahne. Dazu gab es massenweise Kaffee. Die Gespräche fingen an. Ich hatte schon versucht alle für ein Gespräch über die Nazi-Blockade in Dresden und die Erlebnisse dort zu gewinnen, war jedoch, wie immer wenn ich etwas mir als wichtig erscheinendes erzählen will, gescheitert. Es kam also zu einem ausführlichen Gespräch über V&C Kochgeschirr, Staubsaugerbeutel, Fahnenverbote, Handytarife, das Sparverhalten meines Bruders und Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen. Zwischendurch wollte mein Bruder bei einem Film rein gucken, den er angefangen hatte zu schauen. So dass zwischenzeitlich zwei (!) Fernseher liefen. Ich konnte also zwischen dem wundervollen Film „Biker Boys“ und einer Doku über die Rettung von einem Café – Betrieb wählen. Gegen 17 Uhr verabschiedete ich mich, weil wir am Sonntag immer unseren WG-Putztag haben.

Ich mag meine Familie, aber ich habe kaum Gemeinsamkeiten mit ihnen. Immer wieder muss ich resignieren, wenn ich versuche sie an meinem Leben Anteil nehmen zu lassen. Berechtigterweise muss ich jedoch auch sagen, dass ich an ihrem Leben auch nicht viel Anteil nehme. Denn was habe ich schon zu „Deutschland sucht den Superstar“, „Biker Boys“ oder zu Handytarifen zu sagen?

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Eine Antwort to “Kaffeeklatsch”

  1. Tob said

    kenn ich alles irgendwoher 🙂

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