Mein Vater

Februar 16, 2010

Es ist ein ganz normaler Tag. Ich bin 12 Jahre alt. Meine Mutter liegt in der Badewanne. Das kann sie stundenlang.

Diese Angewohnheit habe ich von ihr übernommen. Die längste Badezeit für mich ist ca. 4 Stunden. Bei guter Musik und einem guten Buch bade ich jedoch normalerweise ca. ein bis zwei Stunden. Die Badewanne war für meine Mutter und ist nun für mich der perfekte Ort zum entspannen. Man lässt die Gedanken treiben und der Körper löst sich in angenehmes Wohlbefinden auf, während die Emotionen sich nur noch so leicht kräuseln wie die Wellen im Badewasser. Ich weiß nicht warum, aber ich war schon immer besonders Wasser affin. Auch auf Seen schwimme ich soweit raus wie ich kann, um allein zu sein. Meistens lasse ich mich irgendwann auf dem Rücken treiben und stelle mir vor, dass der See ein riesiges leichtes Bett wäre, in dem ich mich auflöse und der Himmel meine Zudecke ist.

An jenem Tag jedoch schien meine Mutter ein Gedanke nicht mehr los zu lassen. „Heike, kommst du mal bitte kurz“? Ich ging ins Bad und setzte mich neben die Badewanne. „Ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Dein Vater ist nicht dein richtiger Vater“. Ich war im ersten Moment total überrascht, aber irgendwie machte das Sinn. Es war seltsamerweise selbst verständlich. Nach etwa einer Minute hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, dass der Mann, denn ich 12 Jahr für meinen leiblichen Vater hielt, gar nicht mein Vater war. Ich begann meine Mutter aus zu fragen. Sie erklärte mir die damaligen Umstände. Sie hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und war wohl kurz danach wieder mit zwei Anderen intim. Es gab einen Schwangerschaftstest. Sie hoffte insgeheim, dass es ihr Ex-Freund sei, weil sie noch sehr an ihm hing, aber es war ausgerechnet der verheiratete One-Night-Stand. Dieser wollte natürlich nichts von mir wissen. Schließlich war ich der Beweis seiner Untreue und zudem hatte er wohl schon eine Tochter. Als ich ca. ein Jahr alt war, heiratete meine Mutter meinen Stiefvater und mein Bruder wurde geboren. Nach ca. noch einem Jahr ließen sie sich wieder scheiden. Trotzdem war mein Stiefvater mir immer ein Vater, selbst als meine „Eltern“ getrennt waren. Er war kein besonders aufmerksamer Vater, aber ich wusste, dass ich immer zu ihm kommen könnte, wenn ich ein Problem hätte, bei dem meine Mutter mir nicht weiterhelfen konnte.

Ich hatte also einen anderen Vater. Meine Mutter fragte mich, ob ich ihn den kennen lernen wollte. Natürlich wollte ich. Wir fuhren also einige Tage später zu ihm. Seine Frau macht uns auf und holte ihn an die Tür. Wir gingen in ein Kaffee und redeten. „Ich wusste, dass dieser Tag mal kommt“, war seine Reaktion auf unseren Besuch. Zunächst sprachen meine Mutter und er viel über alte Zeiten. Ich fühlte mich fehl am Platz. Er fragte mich fast nichts und wollte, dass ich ihn ausfragte. Mir viel nicht viel ein. Ich fragte, ob ich ihm schreiben dürfe. Er meinte ja, aber ohne Absender. Ich fragte, ob ich noch Großeltern oder andere Verwandte habe und über meine Halbschwester. Er meinte, dass ich auf meine Kinder wegen einer Hüftverstellung acht geben sollte. Diese sei erblich und bei seiner Tochter aufgetaucht. Als ich ein Jahr alt war, hatte ich daher einen Spreizgips. Das Treffen war etwas ernüchternd. Ich hatte gehofft, dass ich meinen väterlichen Familienteil kennen lernen dürfte und er mehr Interesse an mir zeigen würde. Er möchte jedoch nicht, dass seine Familie von mir erfährt. Seine Frau weiß es zwar schon, aber er fragt sich, was der Rest der Familie darüber denken würde.

Zum Abschied wollte ich ihm ein Passfoto von mir schenken. Er wollte es mir zurückgeben uns sagte „Wozu brauch ich das“?. Meine Mutter überzeugte ihn aber davon, es doch zu nehmen. Er hat mir nie eine Karte geschickt, nie auf meine Briefe geantwortet und nicht mal nach mir gefragt als meine Mutter zwangs eingewiesen wurde und ich zu meinem Stiefvater zog. Als ich mit Studieren anfing, besorgte er sich einen Anwalt, der jetzt den Kindergeld- und Bafögkram mit mir abspricht. Er ist nicht mein Vater. Er ist nur mein Erzeuger geworden. Alles in Allem ist er sogar ein ziemliches Weichei und ein Schisser und irgendwann, wenn er tot ist, werde ich meine Halbschwester kennen lernen. Für meinen Geschmack viel zu spät, aber ich warte auf dieses freudige Ereignis.

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2 Antworten to “Mein Vater”

  1. erlehmann said

    Ich finde den hinter der Formulierung richtiger Vater steckenden Biologismus überzogen (und du schwächst es ja auch nachher ab auf Erzeuger). Während Hinweise auf in der Familie liegende genetisch vererbbare Krankheiten sicher nützlich sein können, ist mir unklar, welche sozialen Aspekte du mit Verwandschaft verbindest. Warum also willst du deine Halbschwester kennen lernen ?

    (Meine Eltern versicherten mir irgendwann einmal, ich weiß den Zusammenhang nicht mehr, ich sei nicht adoptiert. „Na und ?“)

    • Es ist glaube ich nur eine Form von Rache und Genugtuung. Ich finde einfach, dass selbst wenn es nur eine biologische Vaterschaft ist, es eine Vaterschaft ist und daraus entstehen Pflichten, auch Fürsorge-Pflichten. Es ist nunmal auch wissenschaftlich anerkannt, das Kinder ohne Väter oder Mütter gewisse Mangelerscheinungen ausbilden. In unserer Gesellschaft wird man eben so sozialisiert, dass man im Bewusstsein immer weiß, dass irgendwas fehlt und als Kind kannst du das nicht so reflektiert sehen und fragst dich, warum dein Vater nicht dein Vater sein will. Ich versteh bis heute nicht ganz, warum er mir nicht mal nen Brief schreiben konnte oder ein Mal mit mir telefonieren. Klar wollte er mich nicht haben. Wenn ein Kind aber erstmal da ist, sollte man das vielleicht besser nicht ignorieren. Ich finde, dass er mir durch sein Verhalten sowas wie eine „heile“ Familie verwehrt hat oder überhaupt einfach gewisse Dinge verwehrt hat, die irgendwie mein Recht sind. Ich will also irgendwie ein Recht darauf haben diese Familie wenigstens damit zu konfrontieren, dass es mich gibt.

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