An meine Mutter!

Juli 16, 2010

An meine Mutter!

Ich hab dich jetzt schon über zwei Jahre nicht mehr gesehen. Ich mach mir Sorgen um dich und ich vermisse dich. Ich weiß, wenn du morgen vor der Tür stündest, wäre ich wieder maßlos enttäuscht. Du bist nicht mehr die, die ich als Kind so geliebt habe, weil du nur noch dich siehst…nur noch dein Leben, deine Freiheit, dein Wohl. Vielleicht habe ich all das verspielt als ich dich zwangseinweisen ließ, aber ich habe es nicht bereut. Dein Lebensstil und deine Probleme waren nicht für uns Kinder tragbar. Trotzdem spüre ich jedes Mal, wenn ich dich wieder sehe, die Tragik deines und meines Verlusts und die Erleichterung darüber, dass du noch lebst. Du hast mich geprägt und viele deiner Eigenschaften haben mir im Leben geholfen und mich zu dem gemacht, was ich bin und das ist glücklich. Dein Humor, deine Lebenslust, dein Erlebnisdrang, deine Kreativität, deine Sexualität, dein Gerechtigkeitssinn, dein Intellekt, dein Aussehen, deine Fähigkeit Liebe zu geben und aus nichts Etwas zu machen und im Angesicht der schlimmsten Tragödien nicht zu zerbrechen, werden mich mein Leben lang begleiten. Aber ich habe auch mehr gelernt. Du sagtest, dass alle Männer scheiße seien. Ich habe etwas besseres gelernt. Du meintest, dass es keine wahren Freunde gäbe und alle auf ihr eigenes Wohl bedacht wären, ich wurde eines Besseren belehrt. Ich fand immer Hilfe, wenn ich an eine Tür klopfte und ich fand immer Liebe in meinen Beziehungen, die meist eher durch meine Unfähigkeit bzw. meine Unbeständigkeit auseinander gingen. Manchmal schäme ich mich dafür, dass ich mein Leben leichter leben und nehmen kann als du. Ich schäme mich dafür, dass ich dich dazu gezwungen hab, dein Erziehungsrecht an uns abzugeben…. Du meintest immer, dass wir dein ein und alles seien und selbst das habe ich dir auf dem Papier genommen. Aber im Herzen werde ich immer deine Tochter sein, werde dich immer lieben, auch wenn du mich in den Wahnsinn treiben könntest. Ich bin froh, dass du nicht mehr in der Geschlossenen bist, bin froh, dass sie deinen Charakter nicht weiter durch Medikamente unterdrücken und dich deiner Seele berauben, bin froh, dass deine Arme und Hände nicht mehr unkontrolliert zittern und du dich eingesperrt fühlen musst, aber auch das Leben auf der Strasse ist bestimmt nicht deine Erfüllung. Es ist besser, aber ich vermisse dich wirklich sehr und ich weiß trotzdem nicht wie ich leben sollte, wenn du hier in Berlin leben würdest. Ich würde mich schuldig und verpflichtet fühlen für dich da zu sein und du würdest nicht merken wie es mich auffrisst jeden Tag aufs neue zu sehen, dass du eine Andere geworden bist, dass deine Leichtigkeit fort ist und dein spritziger Humor durch schwarzen Zynismus verdrängt wurde. Ich wünscht mir, dass du wieder Vertrauen fassen könntest in die Menschen und dein Leben. Ich wünschte mir du könntest so glücklich sein wie ich.

Ich liebe dich,

deine Heike.

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