Liebesbrief

Oktober 4, 2010

Lieber K,

wir sehen uns jetzt nur noch selten und daher schreibe ich dir einen Brief, um dir zu erzählen, was ich denke, wenn ich denke. Ich sehne mich unglaublich stark nach dir. Ich habe in den letzten vier Wochen so viel zu tun, dass ich dich kaum genießen konnte. Wenn ich dich dann mit anderen zusammen sehe, fällt es mir schwer in eure Diskussionen und Gespräche einzusteigen. Ich habe so viel zu tun, dass ich so selten zum Denken oder Diskutieren komme und tiefschürfend intellektuelle Gespräche mich, nun ja sie überfordern mich nicht direkt, aber sie sind gerade sehr anstrengend für mich und haben nichts mit meiner aktuellen Lebenswelt zu tun. Ich habe gerade nicht die Geduld und Kraft mich mal wieder in deine, mir fremde Lebenswelt, einzugliedern und ich fühle mich daher oft sehr allein. Ich vermisse es, deine Welt mit dir zu teilen. Ich würde gerne mehr Anteil an dem nehmen, was dich beschäftigt und gleichzeitig sehne ich mich unheimlich nach deiner Anteilnahme, die mir das Leben ein wenig einfacher machen würde. Ich fühle mich gerade sehr gestresst und überfordert. Gleichzeitig ist es unglaublich interessant, was ich bei meinem Praktikum so lerne und bei der Arbeit an meiner Bachelor-Arbeit…, da das alles aber nicht viel mit deinen Interessen zu tun hat, fühle ich mich oft uninteressant. Ich fühle mich daher wieder stärker körperlich zu dir hingezogen, um den Verlust auszugleichen, aber auch hier fühle ich mich oft zurückgestoßen. Wenn du mich wegen meiner Arbeitsklamotten nicht attraktiv findest und deshalb in Kauf nimmst, dass wir noch eine weitere Woche keinen Sex haben werden, verletzt mich das unheimlich. Ich ersuche ständig irgendwie Kontakt mit dir aufzunehmen, aber scheitere dabei gerade grandios. Wenn wir uns öfter sehen würden, hätte ich auch kein Problem damit, wenn du auf einer Party mit anderen Nerds diskutierst und darüber vergisst mich zu fragen wie mein Tag war, ob mein Knie noch weh tut oder mich einfach nur zu drücken, weil ich einen schweren Tag hatte und mir schon ne Paracetamol geschmissen habe, damit ich dich auf der Party sehen kann. In der Realität jedoch bin ich hauptsächlich für dich auf die Party gegangen und fühlte mich im Stich gelassen und allein. Der einzige Mensch, der für mich da war, war N und nicht einmal das hast du bemerkt. Ich denke, dass es dir auch nicht viel anders geht, aber ich möchte dir gestehen, dass ich dich mehr brauche als du für mich da sein kannst und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Warum sagst du mir, wenn ich weine, dass Tränen mir nicht stehen und lässt mich mit meinem Kummer alleine? Denkst du, dass ich übertreibe? Kannst du mich nicht verstehen? Übertreibe ich wirklich? Ich möchte nicht ständig unzufrieden sein mit unsere Beziehung, aber ich bin gerade sehr frustriert. Ich sehe die ganze Zeit wie viel Mühe wir uns beide geben, aber trotzdem erwarten wir Dinge voneinander, die wir nicht erfüllen können. Wir sind einfach so unglaublich unterschiedlich. Ich liebe dich und ich merke das jeden Tag und ich will auch niemand anderen auch nicht irgendwelche Kanadier, denen ich wenn sie mir zu nahe kommen wollten, eh nen Korb gegeben habe. Ich will dich, aber ich habe das Gefühl, dass ich dich gar nicht ganz haben kann. Ich vermisse dich einfach. Ich vermisse es Zeit zu haben, um mich auf dich einzustellen, Geduld zu haben, um dich zu verstehen, Zeit zu haben, um sexuelle mit dir kreativ zu sein, die Kraft zu haben, Enttäuschungen zu überstehen und ich Vermisse meine Verliebtheit und deine Verliebtheit.

In Liebe.

Advertisements

Der Überfall

Januar 30, 2010

Ich sitze in der U-Bahn. Plötzlich ist es still. Nicht wirklich still. Ich höre die Räder der U-Bahn auf den Schienen entlang reiben. Ich fange von ein paar jungen afrikanisch aussehenden Männern ab und an einige französischen Gesprächsfetzen auf, die ich nicht verstehe, aber sonst ist es still. Gerade hat mich der Vater von P (meines vorletzten Freundes) aus dem Auto am U-Bahnhof Wuhletal abgesetzt. Ich hatte ihn und seine Frau I, meine Wunschmutter, nach langer Zeit wieder ein mal besucht.

Der Tag lag überhaupt voller Erinnerungen und Melancholie. Ich hatte Heimweh, Heimweh nach Marzahn- Hellersdorf, obwohl niemand meiner engeren Freunde oder Verwandten hier verblieb. Bis auf meinen Ex-Freund. Vor etwa einem Jahr bin ich geflüchtet aus diesem Bezirk. Mehr ungewollt, aber eine Flucht war es trotzdem. Mein Freund H und ich lebten zusammen in einer kleinen Neubauwohnung am U-Bahnhof Kaulsdorf Nord. Ein halbes Jahr lang lebten wir dort sehr harmonisch in unserer kleinen Welt zwischen leckerem Italiener, Abitur, Pizza-Mann, Studium, Verein, Musik und World of Warcraft. Er liebte seine Gitarre und mich und das reichte mir. Irgendwann jedoch verschob sich die Realität und das Abitur war vorbei. H liebäugelte mehr mit seiner Unzufriedenheit und seiner Ziellosigkeit als mit mir und irgendwann verschwand ich einfach aus seiner Welt. Ich wollte gehen, damit er mich mit neuem Abstand entdecken konnte und zog in Uni-Nähe, nach Charlottenburg. Ich floh vor der Kälte und der Ignoranz, vor der Gleichgültigkeit, die er mir entgegen bracht. Damals brach eine Welt für mich zusammen. Nach zwei Jahren Beziehung regenerierte ich mich in meiner neuen WG nur langsam. Ich fing an zu rauchen, weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, vögelte wild in der Gegend rum und ver- und entliebte mich so schnell wie meine Sex-Partner wechselten. Ich war rastlos, taumelte zwischen dem Glück meiner neu gewonnenen Freiheit und der Einsamkeit, in die mich H entließ. Irgendwann ebbte der Schmerz jedoch ab und ich fand wieder Kraft.

Wir rumpeln durch die Tunnel der Stadt. Im Auto sprachen wir noch über Dreiecksbeziehungen und der Vater von P meinte, dass diese nie gut gehen. Ich versuchte ihnen schon beim Essen zu versichern, dass ich alles im Griff hab, das alles okay ist und es mir gut geht. Im Auto jedoch fing ich an meinen Unmut über S Verhalten zu äußern. Dass ich mich vernachlässigt fühlte von ihr. Er verabschiedete mich sehr liebevoll und drückte mir einen Schmatz auf die Wange, wie ein richtiger Vater, den ich nie hatte. Aber er sah mich auch besorgt an, wie ein richtiger Vater und von da an tat es weh. Ich kämpfe mit den Tränen. Ich weiß nicht warum mich diese Traurigkeit plötzlich überfällt. Ich kämpfe weiter und hoffe, dass sie mich vor meiner Ankunft bei K verlässt. Als ich die U-Bahn verlasse, glaube ich alles im Griff zu haben…wie ich das schon seit dem Freitag Nachmittag glaube an dem ich die sms las. Aber je näher ich der Tür komme, desto mehr zieht sich mein Herz zusammen. Er öffnet die Tür. Auch er schaut besorgt, aber auch erfreut. Ich drücke ihn und will ihn nie wieder los lassen. Ihm geht es ähnlich. Dann gehen wir in die Küche. Plötzlich sehe ich es. Ein riesiger Aufschrei fährt durch meinen Körper. Immer wieder starre ich die kleine blau verfärbte Stelle auf seinem Hals an. „Sie hat ihn markiert“ ist alles was ich denken kann und ich flüchte mich erst ein Mal in Schweigen und eine blaue Dunstwolke. „Schnell den Schmerz mit Nikotin betäuben und mich ruhig stellen…das habe ich schon oft gemacht und bis jetzt hat es immer geholfen“. Lässig sitze ich auf meinem Stuhl, atme den beruhigenden Rauch des Todes ein, der mich irgendwie tröstet und versuche weiter die Fassung zu wahren. „Sie hat dir einen Knutschfleck gemacht“ entfährt es mir irgendwann und mein Herz wird noch enger geschnürt. Wir wechseln die Zimmer, nachdem er uns einen Milchshake gemacht hat. Ich rolle mich wie ein Schutz suchendes Kind auf dem Bett zusammen. Ich will, dass er mich drückt, dass er sagt, dass er nur mich liebt, dass das alles wirklich nichts bedeutet und ich einfach in seinem mir schon so bekannten Duft ertrinken kann. Eingekuschelt liegen wir auf dem Bett. In dieser Schutz bietenden Position kann ich es wagen ein paar Tränen zu vergießen. Ich will reden, weiß aber nicht über was. Wir wollten eine offene Beziehung, ja der Sex zu dritt war sehr schön und sie sollten ihn auch alleine genießen können. Ich verstand immer noch nicht ganz wo das Problem lag, aber das Problem ergoss sich schon längst in Sturzbächen über mein Gesicht. Ich begann zu reden und irgendwann gestand ich es mir ein. Ich war neidisch, auf beide. Auf ihn, weil sich S scheinbar lieber Zeit für ihn nahm als für mich und auf K, weil er es vor mir probiert hatte und ich einen zwar irgendwie heiteren, aber auch ernüchternden Abend gehabt hatte. Und deshalb fühlte ich mich irgendwie betrogen, ausgeschlossen. Immer wieder sah ich vor meinen Augen wie sie ihm diesen grässlichen Knutschfleck anheftete und mir wurde ganz übel. Irgendwann versiegten meine Tränen. Er tröstete mich, obwohl ich das Problem war. Ich schämte mich für meine egoistischen Gefühle. Ich wollte ihm nahe sein und alles vergessen. Und dann waren wir uns nahe. Es tat noch weh und die Entdeckung eines weiteren Flecks auf seiner Brust machte es nicht leichter, aber ich war mir sicher, dass es bald aufhört. Und es hörte auf.

Sein erstes Mal

Januar 29, 2010

Alles erscheint unwirklich. Ich lese die sms mehrmals und immer versetzt es mir einen dumpfen Schmerz in der Magengegend. Seine Worte scheinen leichtfüßig geradezu beiläufig. Er versucht ihnen die Schärfe zu nehmen, in dem er sie in eine harmlose liebe sms bettet. Er will mich nicht verletzen, aber vielleicht hat er auch gar nicht darüber nachgedacht. Aber er wusste, was ich wissen will und hat sich Zeit gelassen mit der Antwort auf meine Frage. Ob gewollt oder ungewollt. Er hat sich Zeit gelassen. Ich lese noch ein drittes Mal: …“haben etwas geschnackt und dann miteinander geschlafen, nachdem ich ein wenig mit Gürteln fesseln improvisiert habe“. Mich hat er noch nie mit Gürteln gefesselt, aber das ist nicht das erste was mir dabei in den Sinn kommt. Vielmehr überschlagen sich die Gedanken und Gefühle. Zuerst freue ich mich für beide, aber die Freude währt nur einen kurzen Moment und wird von einer Welle irrationaler Gefühle ertränkt.

Immer wieder versucht die Logik die Gefühle zu beruhigen, die aufgebracht im Kreis rennen, die Arme in die Luft werfen und schreien. „Sie wissen nicht,was sie tun. Verrückte Gefühle“ versucht mich die Logik zu beruhigen. Ich muss mich ordnen. Ich hole einige Male tief Luft und versuche die schreienden Verrückten beiseite zu schieben und mich auf was Wesentliche zu konzentrieren. Sie haben miteinander geschlafen. Was bedeutet das für mich? Eigentlich nichts.

Ich habe es ihnen erlaubt. Nicht etwa, weil ich ihn sonst verloren hätte oder total nachgiebig und rückratlos bin; ich wollte, dass er sich ausleben kann. Sein Leben genießen. Immerhin ist es nur Sex. Was bedeutet das schon?

Doch dann drängen sich wieder die stumpfen Schreie der Gefühle in mein Bewusstsein. Was ist nur los? Warum machen die solch ein großes Theater? Am Liebsten würde ich die Diagnose stellen und die Patienten entlassen, aber ich bin an sie gebunden. Sie werden nicht gehen. Sie sind ein Teil von mir, der nach Beachtung schreit. Doch die Logik versagt den Dienst und schüttelt nur ratlos mit dem Kopf. So als ob sie die Verantwortung abschütteln wollen würde. Ich bin alleine mit meinen Gefühlen und überfordert. Es ängstigt mich, mich ihnen zu nähern, mich mit ihnen zu beschäftigen. Sie scheinen unberechenbar und unlogisch.

Ich nähere mich ihnen langsam. Dann frage ich behutsam, was ihnen weh täte. Sie werden nicht stumm aber schauen mich mit geöffneten Mündern genauso ratlos an wie ich sie. Ich würde gerne weg laufen. Immer wieder wiederhole ich: Er hat mit ihr geschlafen und assoziiere die passenden Bilder. Ich will schauen,was passiert. Ich bin nicht wütend, nicht traurig, nicht enttäuscht…oder doch? Eine Stimme im Raum fragt mich plötzlich, ob ich es S denn nicht gönne. Schließlich hege ich ihr gegenüber einen gewissen Unmut. Ich spüre wie ich mich meinen Gefühlen annähere, aber immer noch gestehe ich mir gewisse Gefühle einfach nicht zu. Aber jetzt weiß ich: Sie sind da. Ja es ist irgendwie ein Problem. Ich gönne ihnen die intime Zweisamkeit nicht hundert prozentig. Vor Allem habe ich Angst und fühle mich benachteiligt. Jetzt meldet sich ein Patient zu Wort. Er schaut mich mit leeren traurigen Augen an und fragt: Und was ist mit mir? Bin ich nicht gut genug? Ist sie besser als ich? Ein anderer versucht ihn zu beruhigen. Er scheint zornig, aber bestimmt: Ach was er kann, kannst du schon lange. Du bist nicht schlechter und du kannst es ihm beweisen. Sie wollen dich alle vögeln und du solltest das Spiel mitspielen und dich nicht länger zieren. Plötzlich betritt die Vernunft erneut den Raum: Ihr seht doch alle die Wirklichkeit nicht. Er liebt euch, euch alle und das ist kein Spiel. Ihr solltet keine Ängste oder Rachegelüste haben. Das hat er nicht verdient. Der Zorn meldet sich wieder: Und ob er es verdient hat. Er hat es doch herausgefordert. Doch die Vernunft schafft es ihn zu besänftigen. Sie wird ihn aber nicht auflösen können. Ich sehe außerdem einen knickrigen Patienten mit blitzenden Augen. Er nennt sich Neid. Der Herr hat sich also auch hier eingenistet. Der Patient, der sich zuerst äußerte, ist auch der Größte von allen. Er steht sicher auf seinen riesigen Füßen, wie ein unverrückbarer Baum. Er ist Dauerpatient. Ich kenne ihn gut und denke, dass er diesen Raum wohl nie verlassen wird. Aber phasenweise geht es ihm gut, dann gluckst er glücklich vor sich hin die Knie an den Bauch gezogen und sich wiegend, wie ein riesiges Baby und das macht mich gelassen. Die meiste Zeit jedoch ist er sehr unsicher. Er fragt viel. Dieses Mal frage ich viel. Wovor hast du Angst? Vielleicht verliert unsere Beziehung an Intensität. Vielleicht mag er sie irgendwann mehr als mich. Vielleicht macht sie ihn mehr an…immerhin ist sie feuchter. Vielleicht verliebt sich irgendwann eine Frau unglücklich in ihn oder sogar glücklich. Was mache ich dann? Ich würde den großen klobigen Kerl gerne drücken und sagen, dass alles gut wird, aber die Gewissheit hat man nie. Im Laufe der Sitzung beruhigt die Vernunft alle zusehends. Ich fühle mich ein wenig erleichtert, aber immer noch mulmig. Mit all diesen Gefühlen muss ich leben, aber ich vertraue der Vernunft. Sie verbindet sie alle und hat meist den besseren Überblick. Sie sagt mir, dass alles gut wird und dass ich meine Gefühle nicht übergehen darf. Sie kann die Diagnose stellen. Sie ist kompetent und hilft. Und sie gibt mir das Gefühl, dass eigentlich alles gut ist. Ich möchte ihm die Freiheit nicht nehmen. Ich liebe ihn und er liebt mich. Eigentlich ist alles gut…